Twitter in Deutschland: Probleme und Möglichkeiten

Nirgendwo verbreiten sich Nachrichten so schnell wie auf der Microblogging-Plattform Twitter. Der Mininachrichten-Dienst erfreut sich weltweiter Bekannt- und Beliebtheit. Doch in Deutschland mag das Unternehmen nicht so recht vom Fleck kommen. Woran das liegen könnte und ein paar Gedankenspiele, wie sich das ändern könnte.

Twitter ist unübersichtlich

Twitter ist Kommunikation. Twitter ist Information. Twitter ist aber auch eine kaum zu bändigende Ansammlung von Informationen und Kommunikation. Ein Tweet ist schnell verfasst und genauso schnell verblasst. Während andere Soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ Interaktionen und Unterhaltungen direkt und unmittelbar anhand von deutlich sichtbarem Feedback in Form von Likes und +1 bieten und somit für Anwender Transparenz bei der Durchsicht bieten, ist Twitter anders aufgebaut.

Twitter ist auch linear, aber anders

Ähnlich wie die anderen großen Netzwerke bereitet Twitter Inhalte chronologisch, sprich linear auf. Doch nicht zuletzt durch die Flut der gebotenen Informationen, also Accounts und Listen, denen man folgt, geht Vieles verloren. Wer sich nicht die Mühe macht Listen zu definieren und zu pflegen, verpasst schnell interessante und relevante Informationen.

Ein weiteres Manko gegenüber Facebook und Google+ ist die Darstellung der twitter_unterhaltungInteraktionen der Twitter-Nutzer. Während die Konkurrenz Zustimmungen und Kommentare zu Beiträgen transparent präsentiert, sind Unterhaltungen zweier oder mehrerer Twitter-Nutzer nicht gleich ersichtlich oder ziemlich verschachtelt und geht nicht selten in der Twitter-Timeline unter.

facebook_beitragAntworten und sonstige Interaktionen anderer mit den eigenen Beiträgen bei der Konkurrenz sofort erkennbar sind, bedürfen bei Twitter eines Extra-Klicks, um an ähnliche Informationen zu gelangen.

Wie ist die Resonanz auf einen Beitrag? Wie viele Nutzer haben ihn gefavt, re-tweetet oder sind via Kommentar darauf eingegangen?

Während die blauen und roten Netzwerke diese Informationen prominent präsentieren, geht dieser äußerst wichtige Aspekt bei Twitter beinahe vollständig unter.

Selbstverständlich ist Twitter in erster Linie Twitter und nicht irgendwas anderes.

Doch betrachtet man die Anlaufschwierigkeiten, die das 140-Zeichen-Netzwerk in Deutschland hat (vor allem im Vergleich zur Nutzung in den USA), frage ich mich, ob diese Unübersichtlichkeit nicht ein wesentlicher Aspekt dabei ist.

Generell hat Twitter mit den neu eingeführten Profildesigns den richtigen Weg eingeschlagen und präsentiert Accounts in Anlehnung an Facebook nun weniger befremdlich – erst recht, wenn Interessierte ohne eigenes Twitter-Profil und ohne Erfahrung mit dem Netzwerk aufschlagen. Twitter wird einsteigerfreundlicher.

Doch um den Einstieg zu vereinfachen bedarf es noch viel Arbeit – nicht zuletzt auch auf der mobilen Seite. Da Twitter so flott von der Hand geht, bietet sich die mobile Nutzung an. Die offizielle Twitter-App bietet jedoch höchstens Basis-Kost, ist weitestgehend uninteressant und bleibt weit unter den Möglichkeiten, die Twitter eigentlich bietet (und von Drittanbieter-Apps genutzt werden), zurück.

Warum sollte ich Twitter nutzen?

Twitter ist schnelle Information und Interaktion mittels weniger Zeichen, die für Beiträge zur Verfügung stehen. Das zwingt die Nutzer auf den Punkt zu kommen. Auch wenn oft viel Lärm um nichts entsteht, erlauben 140 Zeichen nur wenig Blabla. Durch die Vernetzung der Nutzer untereinander, nicht zuletzt durch die Verwendung der berüchtigten Hashtags, sind schnell interessante Accounts gefunden und Nutzerkreise entdeckt, in denen man sich wohl fühlt. Das Microblogging macht die Kontaktaufnahme barrierefrei. Da Twitter inzwischen auch eine große internationale Reichweite hat und so schnelllebig ist, fallen Hemmschwellen oft auch leichter: Es fällt wesentlich einfacher Inhalte zu veröffentlichen. Bei Twitter findet schließlich jeder Gedanke seinen Platz.

Twitter von außen stärken

Twitter ist sexy. Egal ob man den Dienst zur Informationsbeschaffung, -vermittlung oder der Selbstdarstellung nutzt: Wen das Angebot interessiert, wird folgen. In den USA haben sich große TV-Shows diesen Punkt zunutze gemacht: Live-Interaktion während Latenight-Talks, Sportübertragungen und anderen Events werden mit Hashtags garniert und laden zum Mitmachkonsum ein. Prominente, wie z.B. Ricky Gervais (ja, Engländer – aber auch in Übersee mehr als nur bekannt) nutzen Twitter zur Interaktion mit Fans, Kritikern und zum Setzen neuer Trends. Der Stand Up Comedian (und Schauspieler) veröffentlicht regelmäßig absichtlich grässliche Selfies, die in der Badewanne entstanden sind.

Die kommen nicht nur wunderbar an, sondern haben einen wahren Trend unter seinen Fans ausgelöst. Sie überbieten sich untereinander mit immer abstruseren Bildern. Der deutschen Twitter-Landschaft mangelt es, bis auf wenige Ausnahmen, weitestgehend an solchen Angeboten. Obwohl Twitter-Nutzer gerne über die Championsleague und die Bundesliga diskutieren, bleiben sie unter sich, solange die Berichterstattung und Übertragungen diese Zielgruppe nicht aktiv akquirieren und mit ihnen in den Dialog treten.

Die Kreativität sitzt nämlich nicht nur in Redakteursbüros, sondern überall vor den Bildschirmen daheim. Und Twitter ist ihr Medium.

Ob die kürzliche Ernennung von Thomas de Buhr zum neuen Twitter-Chef Deutschland die richtige Entscheidung war, bleibt abzuwarten. Jedenfalls scheint das Unternehmen begriffen zu haben, dass Handlungsbedarf besteht.

Ähnliche Artikel

Filmfan, Musikliebhaber, schwäbischer Sith-Akolyth und Hypetrain-Lokführer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.