Prägende Alben: Dookie von Green Day

Ich finde es ist äußerst schwierig über Musik zu schreiben. Jeder verbindet etwas anderes damit und erst recht nicht jeder kann leiden, was man selbst abfeiert und für die größte Errungenschaft der Musikgeschichte hält (Letzteres gilt übrigens auch für Gelegenheiten, wenn Freunde und Bekannte mit Deiner Mucke konfrontiert werden und nur die Nase rümpfen). Ich habe es dennoch schon einmal versucht und möchte es aus gegebenem Anlass erneut in Angriff nehmen.

Aus gegebenem Anlass? Ja. Jeder von uns ist mit einem bestimmten Set an favorisierter Musik aufgewachsen. Meist kristallisiert sich die persönliche Vorliebe irgendwann mit Einsetzen der Pubertät oder im weiteren Teenageralter heraus. So auch bei mir. Und die Dookie von Green Day steht stellvertretend für meine Teenagerzeit. Ich habe neulich den Eröffnungssong Burnout gehört und war sofort wieder drin. Jeder hat dieses eine Album. Man muss nur den ersten Song hören und will den Rest direkt in einem Rutsch dranhängen. Dieses eine Album, mit dem man so viele Erinnerungen verbindet, das einem vielleicht sogar eine völlig neue Musikwelt eröffnet hat. Die eine Platte, bei der man jede Zeile, jedes Riff, jeden Beckenschlag und jede Basslinie in- und auswendig kennt und mit dem Ende des gehörten Songs schon den Anfang des nächsten Tracks im Kopf hat. Nun, definitiv in diese Kategorie zählt für mich die Dookie.

Das ist doch Dookie!

This is the cover art for Dookie by the artist Green Day. The cover art copyright is believed to belong to the label, Reprise Records, or the graphic artist(s).

Quelle: wikipedia.org https://goo.gl/MCmpk5 „This is the cover art for Dookie by the artist Green Day. The cover art copyright is believed to belong to the label, Reprise Records, or the graphic artist(s).“

Nachdem mir ein Kumpel im Erscheinungsjahr 1994 von der Band mit dem seltsamen Namen und der noch komischer klingenden Platte erzählte, war ich erstmal nicht begeistert. In der Zeit frönte ich noch meiner Hip Hop Phase (ja, die hatte ich). Obwohl mir die bekanntesten Tracks Basket Case und When I Come Around auch damals schon gefielen, ignorierte ich das Album, die Band und die komplette Musikwelt abseits des Hip Hop bestimmt noch ein ganzes Jahr lang. Bis zu dem Moment, als mir auffiel, dass ich meine liebsten Hip Hop Songs buchstäblich miteinander zu verwechseln begann. Ich hatte mich an dem, was ich für coolen Underground hielt einfach sattgehört. Als ich eines Tages durch den örtlichen Saturn browste (oder roamte?), fiel mir zufällig besagte Platte von Green Day in die Hand und erinnerte mich daran, dass sie mir mein Kumpel näherbringen wollte. Warum also nicht?! Ich schmiss sie folglich noch im Markt in die nächstmögliche Abspielgelegenheit.

Was dann passierte, veränderte mein Leben

Es muss dieser Moment der Ernüchterung bzgl der Hip Hop Musik gewesen sein, der meinen Geist und vor allem mein Herz für Neues zugänglich machte. Und was soll ich sagen…? Diese Platte traf volle Kanne ins Schwarze. Ich hörte in die ersten drei Tracks rein und landete schließlich bei Longview. Mein Englisch war damals schon ganz passabel und die gedruckten Lyrics im Album-Booklet waren ergänzend hilfreich genug um zu verstehen, was ich hier hörte. Hier sang jemand von Langeweile, Masturbation, von Gefangensein in einem Kreislauf aus Alltag und Apathie – gepaart mit einer Melodie und einem so starken Riff, dass ich sofort Gänsehaut bekam. Der Song hatte mich wirklich berührt. Und so ging es weiter, als Welcome To Paradise einsetzte. Dieser Song in seiner Dualität zwischen Erwachsensein, Unabhängigkeit und dem Entfliehen des Teenager-Alters in der ersten eigenen heruntergekommenen Wohnung! Einer nicht wirklich unkomplizierten Kindheit zum Dank war das meine in Wort und Ton gemeißelte Vision meiner Zukunft. Ich hörte gerade, was sich in meinem Kopf abspielte, wenn ich an meinen Auszug aus dem Elternhaus dachte, der noch einige Jahre in ferner Zukunft lag: Angst, Abscheu vor der neuen Umgebung aufgrund von akuter Geldnot und schlichtem „ich liebe es trotzdem, weil es mein Zuhause ist“-Trotz. Mit 12 ist die persönliche Zukunft im eigenen Kopf nämlich entweder ein strahlendes Pony oder ein Slum. Was für eine Hymne!

Ich hatte genug gehört! Von den ersten 5 Songs der Dookie gefielen mir 3 gut und 2 verflochten sofort mit meiner Persönlichkeit – und die beiden vorher schon erwähnten Gassenhauer kannte ich ohnehin und feierte sie inzwischen. Gekauft! Dieses Album sollte mir gehören! Ich nahm es mit nach Hause und hörte es nicht einfach nur. Ich studierte es. Ich hörte die Schreibe rauf und runter. Tag ein und Tag aus. Ich studierte das detailreiche Cover, die gedruckten Lyrics, wobei mir Unterschiede zu den gesungenen Vocals auffielen.

Das geht doch nicht! Da steht was anderes gedruckt!

Doch mit der Platte kam ich schnell auf den Trichter, um den es in diesem genrebildenden Album ebenfalls ging. Zwei einfache Worte, auf die ich mich im Lauf der Jahre immer wieder besann und die mich und meinen ruhelosen Geist besänftigten: Fuck it!

„Ich höre gerade Punk, Alter!“ Ja, dass es nicht die Pistols oder The Clash waren, wurde mir schnell bewusst. Die Dookie war jedoch etwas völlig Neues – nicht nur für mich. Das Album steht stellvertretend für eine neue Musikrichtung, deren Entwicklung ich beiwohnen konnte, weil ich in der richtigen Zeit lebte. Ist das nicht großartig?! Was für ein Abenteuer!

So überspielte ich das Album später auf eine MiniDisc (instaold!) und hörte es (neben anderen Perlen, die ich im Lauf der Zeit entdeckte) auch unterwegs auf dem Weg zur Schule, in den Pausen, in Hohlstunden und zu quasi jeder Gelegenheit. Musik war mein ständiger Begleiter und mein Ventil für eine persönlich sehr schwierige Zeit (Pubertät, Mobbing, geschiedene Eltern, Friendzones, mäßige Noten… das ganze Programm eben). Ich verklopfte mein gesamtes Taschengeld und das was ich später stattdessen selbst verdiente jahrelang für Musik (und PC-Hardware). Und die Dookie blieb seither mein Begleiter.

Dieses Machwerk mit gerade einmal knapp 40 Minuten Laufzeit erweckte mein Interesse für Musik und wie sie produziert und wirklich gemacht wurde. Es öffnete meine Ohren für gezieltes Heraushören der einzelnen Instrumente – und da es nur drei waren, war mein Ohr recht schnell geschulter als zuvor. Ich entdeckte meine Bewunderung für Drummer (ich halte Tré Cool weiterhin für einen fantastischen Stockschwinger) und Menschen, die gleichzeitig singen und Gitarre spielen konnten. Dank Mike Dirnts melodischen Basslinien lernte ich auf feinste Nuancen zu achten. Ein für mich wegweisendes Album in jeder erdenklichen Facette.

Meine Liebe zu dieser Platte gipfelte im Song She. Zwei Minuten und Vierzehn Sekunden geballte Rebellion und ein aus dem tiefstem Frust herausberstender Schrei nach Befreiung.

Scream at me until my ears bleed. I’m taking heed just for you.

Das ist der Song meines Teenageralters! Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich auch nur an den Song denke und meine Faust ballt sich ob der Erinnerungen und all dem Ärger, der Unverständnis und dem Frust, den ich damals empfand. Dementsprechend musste das auch einer der ersten Songs sein, die ich mir auf der Gitarre beibrachte. Und wenn ich ihn höre und spiele empfinde ich jede Emotion nach, die Billie Joe damals in Lyrics und Vocals gepresst hat. Ich fühle mich ihm und der Band als Mensch verbunden, weil nicht nur She, sondern das Gesamtwerk Dookie mir zeigen, dass andere in ähnlichem Alter Ähnliches durchmachen, die selben Sorgen und Gedanken haben. Ich verstand, dass ich nicht alleine damit war.

So wurden die Situationen und Geschichten der Lieder, die aus dem Alltag der Band erzählten, für mich zum Sinnbild meines Selbstverständnisses: Jedem geht es mal beschissen. Jeder macht schwierige Zeiten durch. Manche erscheinen schlimmer als sie in Wirklichkeit sind (vor allem in der Pubertät), andere dauern länger und wollen als Dein dunkler Begleiter nicht so recht von Deiner Seite weichen.

Green Days Dookie hat mich eine wichtige Lektion gelehrt: In diesen Momenten denke ich an die Fehler in den Aufnahmen, die es doch zur Veröffentlichung gebracht haben, die Messages in den Songs, schlucke meinen Groll herunter und denke mir:

Fuck it!

Solange ich anderen mit Respekt begegne, andere behandle wie ich selbst behandelt werden möchte, solange ich damit niemandem (und vor allem mir selbst) wehtue und mich nicht von meinem eigenen Glücklichsein abhalte:

Fuck it! Es ist mein Leben. Und die Dookie ist vom Einsetzen des ersten Snare-Wirbels bis hin zum Ausklang des versteckten Songs am Ende des Albums zu einem Teil davon geworden.

Filmfan, Musikliebhaber, schwäbischer Sith-Akolyth und Hypetrain-Lokführer.

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