Neulich an der Wursttheke

Vor ein paar Wochen ist mir was widerfahren. Eigentlich nichts Weltbewegendes. Eher sogar nichtig und so alltäglich, dass es eigentlich schon total stereotyp ist. Die (wenn man so will) Bedeutung meines Erlebnisses an der Wursttheke hat mir allerdings gestern Abend erst etwas Wichtiges bewusst gemacht. Aber was war eigentlich passiert?

Typisches Alltagsszenario á la definiere Deutschland!: Es war früher Samstagmorgen. Ich hatte es ein bisschen eilig, weil wir Übernachtungsgäste für unseren Star Wars Marathon erwarteten und ich noch Frühstück besorgen musste – für einen, der Diät macht, einen Vegetarier, einen mit einer chronischen Darmentzündung und einen Veganer. Klingt wie der Anfang eines Witzes. So fühlte ich mich auch, denn für eine solche Konstellation ist es gar nicht mal so einfach geeignete Frühstückslebensmittel einzukaufen. Deshalb und weil die ersten Gäste schon in anderthalb Stunden eintreffen sollten, war ich also in Eile. Da drei von fünf Frühstückenden gerne Käse, Schinken und Co essen, wollte ich ebendas frisch von der Theke besorgen.

An der Wursttheke

Also stellte ich mich an und wartete. Vor mir war eine Frau. Sie war deutlich kleiner als ich, was eigentlich nichts zur Sache tut. Es spielt aber insofern eine Rolle, als das sie das Abziehbild der fürsorglichen Mutter war. Immerhin war sie mit ihrer Tochter, deren Kleinkind und mit dem (ich vermute sehr jungen) Schwiegersohn, die sich allesamt in der Nähe aufhielten, angereist. Angereist, um sich mit Fleisch einzudecken. Die Tochter und ihr Partner standen nämlich schon mit Leberkäsbrötchen da, mit denen sie tunlichst versuchten, ihre Münder so gut es ging abzudichten. So stand ich da und beobachtete das Kleinkind, das mir zugewandt vorne im Einkaufswagen saß und mich anlächelte. Obwohl ich in solchen Momenten schnell mal überfordert bin, was die angemessene Reaktion sein könnte, lächelte ich und winkte dem Kind so freundlich es in diesem Moment nur ging zurück. Da stand ich also. Dümmlich einem Kleinkind winkend, das etwa anderthalb Meter vor mir saß und mich verzückt anlachte – was ihre junge Mutter selbstverständlich sofort bemerken musste. Das führte dazu, dass sie die Konversation auf Augenhöhe unterbrach, als sie sich dem Wonneproppen zuwandte und sagte „ja, der Papa trägt auch so eine Mütze, nicht wahr!“. Ich überlegte kurz, ob sie damit meinte, dass der junge Mann neben ihr vielleicht ihr Bruder, oder ob ihr Mann einfach auch nur Star Wars Fan sein könnte. Vielleicht war er auch nicht mehr da und er war deshalb nicht mit zum Einkaufen gekommen. Hatte der Schweinehund etwa das Mädchen mit dem kleinen Kind einfach sitzen gelassen?! Es war mir leider nicht möglich die Lage zu meiner Zufriedenheit zu sondieren, denn schon drehte sich die Glucke in der Schlange vor mir um und lächelte uns an. Sie lächelte ihrem Enkel, ihrer Tochter, mir und dem schmatzenden Jungen nebenan einfach nur zu. Und als sie sich zu mir drehte, sah ich, dass sie bereits eine Wurstthekentüte voller Wurstwaren lässig in ihrer Armbeuge trug.

wursttheke_fb

Sie hatte wohl einfach was vergessen. So kam sie also an die Reihe, als unser fröhliches Gespräch zwischen Winken, Lächeln und Schmatzen ein abruptes Ende fand. Als ich auf die Uhr schaute, dachte ich mir noch, dass es wohl nicht so lange dauern würde. Die Vorbereitungen würden zwar nicht mehr ganz stressfrei ablaufen, aber hetzen musste ich noch nicht. Es würde knapp werden, aber ich lag noch im Zeitplan. So dachte ich auch als sie bestellte. 150 Gramm dies, 100 Gramm das und von dem da auch noch was. So scheuchte sie den Mann hinter der Theke ständig von Fleisch zu Fleisch, von Fleisch zu Schneidegerät und vom Schneidegerät zur Waage. Immer begleitet von einem lockeren „darf’s ein bisschen mehr sein?“.

Und ob es das durfte! Denn diese Szene wiederholte sich und wiederholte sich. Ohne die sonst üblich locker von meinen Fingern und Lippen kommende Übertreibung, zu der ich gerne mal neige, stand ich ungelogen 10 Minuten hinter ihr und wartete, dass ihre Fleischesgelüste endlich gestillt sein mögen. Ich habe mich schon manches Mal gefragt, ob wir, also Madame und ich, im Alltag vielleicht zu viel Fleisch verzehren könnten. Immerhin soll man ja nicht so häufig Fleisch essen. Nun, zu einem gewissen Teil wurde die Frage an diesem Tag beantwortet. Ich weiß zwar immer noch nicht, ob unser Fleischkonsum noch als angemessen durchgeht. Ich bin mir aber absolut sicher, dass der der Frau und ihrer Familie mit Sicherheit die Normen sprengt. Inzwischen hatte sich nämlich eine zweite Wurstthekentüte gefüllt und wurde verpackt. Dass ich hier vielleicht Zeuge eines bedauernswerten Notfalls sein könnte, war wohl auch der kleinen Dame mit den beiden Fleischbeuteln klar, denn sie drehte sich, langsam wie ein Filmschurke in seinem Sessel, zu mir um, grinste etwas verstohlen und versicherte mir, dass sie es gleich haben würde. Noch bevor ich mir darüber klar wurde, was man denn nach so einem Fleischanfall denn noch haben müsste, was sich nicht bereits vielfach in beiden Tüten befand, zwang sie mich erneut ins Warten. Sie drehte sich nämlich um und trug dem bemüht professionellen aber langsam selbst schon lächelnden Verkäufer an der Wursttheke weitere Wünsche vor. Leicht hinter mich versetzt gesellte sich ein Mann Ende 30 in die Schlange. Er hatte zumindest die letzte Szene mitbekommen und lächelte mich bedeutungsschwanger an. So schaute ich also erneut auf die Uhr und wartete. Als sich die kleine fleischversessene Frau und der Verkäufer wie in Akkordarbeit in einem Rhythmus, nur von der Fleischtheke voneinander getrennt, in einem Tanz vor und zurück befanden, befand ich, dass meine Gäste dann eben mit abgepackten Käse- und Fleischwaren Vorlieb nehmen mussten und verließ die Schlange um meine weiteren Einkäufe zu tätigen.

Ich verschwand in den Gängen des Supermarkts und suchte nach Essbarem und Auswahlalternativen für uns und unsere Gäste – und war ein bisschen sauer. Ich bin gerne ein guter Gastgeber und möchte, dass sich meine Freunde wohl bei mir fühlen. Deshalb ärgerte ich mich darüber, dass ich ausgerechnet heute keine Zeit hatte die Einkäufe entsprechend zu erledigen. Diese verdammte kleine Frau mit ihrer fleischsüchtigen Familie! In Etiketten vertieft stand ich also bei den Marmeladen und Gelees, als sich plötzlich der Mann, der zuletzt zur Schlange stieß, zu mir gesellte und ein Gespräch suchte. „Die alte Eule hat noch einen dritten Beutel vollgemacht, ist das denn zu glauben?!“. Ich war ein bisschen verdutzt. Ein bisschen mehr darüber, dass der freundlich aussehende Mann die kleine Frau tatsächlich abfällig „alte Eule“ genannt hatte. Aber die aufkommende Gewissheit, dass sie mir mein perfektes Frühstück für meine Gäste versaut hatte, ließ mich darüber hinwegsehen und mit „verrückt, oder?!“ einklingen. Er legte nach und sagte „und ihre Kinder hatten davor schon mal Brötchen mit Frikadellen!“. Er hatte dieses Schauspiel also auch aufmerksam beobachtet. Ich bekam folglich auch nur ein erstauntes „wow!“ heraus, schoss aber noch hinterher, dass ich zu dem Zeitpunkt, als er in die Schlange kam, bereits 10 Minuten gewartet hatte. Daraufhin schnaubte er nur verächtlich und ich tat es ihm gleich. Ist ja auch unerhört sowas!

Die Sache beschäftigte mich anschließend, weil ich mich immer wieder bei der Frage erwische, ob ich in vergangenen Situationen richtig reagiert habe. Ist ne nervige und unangenehme Angewohnheit. Also erzählte ich Madame davon. Sie war ganz erstaunt von meiner Darlegung, wie viel Fleisch die Frau im Verhältnis zu ihrer eigenen Körpergröße einkaufte, wie lange ich geduldig wartete an die Reihe zu kommen und dass anschließend der Mann zu mir kam und sich mit mir aufregte. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und tat mein Erlebnis als alltägliches Kuriosum ab. Da sie nicht dabei war, konnte sie die Absurdität der Situation vielleicht nicht in Gänze ermessen. Sei es drum. Die Gäste kamen und wir hatten ein fantastisches Wochenende.

Tl;dr

Warum ich das alles schreibe? Ganz einfach: Gestern Abend ist mir etwas bewusst geworden. Aus keinem speziellen Grund. Wir unterhielten uns über irgendwas und plötzlich erinnerte ich mich an diese Szene von vor ein paar Wochen vor der Wursttheke im REWE. Es muss der Geist der Weihnacht und der Besinnlichkeit sein, der mich mit einem Seitenschwinger traf, wie mit einem Anker. Zuerst lachte ich über diese kleinbürgerliche Situation beim Einkaufen. Wie langweilig und stereotyp kann man einen Alltag denn bitte beschreiben? Mir fällt kaum etwas belangloseres ein als mein Ärger über die kleine Frau, die so viel Fleisch eingekauft hat und mich deshalb in Zeit- und Gastgebernot gebracht hat. Dass ich meinen Ärger bis jetzt nicht vergessen habe, sagt sehr viel über mich aus. Nicht etwa, dass ich kleinkariert oder nachtragend wäre, sondern dass ich es doch eigentlich verdammt gut habe im Leben, wenn eines meiner größeren Probleme ein so nichtiges ist, wie das oben beschriebene. Wenn ich mich Tage und Wochen nach dem Vorfall noch daran erinnere und auch noch weiß, dass ich mich geärgert habe, habe ich doch wirklich keine großen Sorgen, die wirklich von Belang wären.

Das ist eine sehr zwiespältige Gewissheit. Einerseits freue ich mich tatsächlich darüber, dass es mir und meinen Liebsten gutgeht. Andererseits schwingt auch die Gewissheit mit, dass es Menschen gibt, denen es bei weitem nicht so ergeht, wie mir mit meinen Belanglosigkeiten. Vielleicht geht es gerade jetzt zur Weihnachtszeit auch genau darum. Sich darauf zu besinnen was man hat und nicht darauf, was einem fehlt.

Filmfan, Musikliebhaber, schwäbischer Sith-Akolyth und Hypetrain-Lokführer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.