Gewalt in Videospielen und die Heuchelei der Presse

In letzter Zeit fällt mir die unterschwellige und teils sehr direkte Kritik an Gewaltdarstellungen in Videospielen auf, die teils sogar in nationalistisch angehauchten politisch-gesellschaftlichen Seitenhieben gipfelt. Warum ist das so? Und wen interessiert, was die selbsternannten Gamer-Sprachrohre sagen?

Wenn die Presse sich zur Instanz aufschwingt

Ich kam vor einigen Wochen ins Grübeln, als ich eine kommentierte Vorschau zu Mortal Kombat X auf PCGH gesehen habe. Dort meinte einer der Jungs aus dem Video-Team*:

[…] wie es sich für Mortal Kombat gehört, natürlich –  ja… ich nenn’s mal Geschmacklosigkeiten. Die Amerikaner freuen sich über sowas immer.

Gemeint sind neben kurzen Sequenzen, in denen brechende Knochen, gequetschte Organe und sonstige Verletzungen in Nahaufnahme, Zeitlupe und mit Blick durch die Haut zu sehen sind, natürlich auch die MK-typischen Finishing Moves. Sein Co-Kommentator pflichtet ihm bei. Anschließend fährt er fort:

Das gehört natürlich dazu mit den abschließenden Finishing-Moves in solchen Geschichten. Wer’s braucht… ich find’s eher unnötig und auch meistens ziemlich widerlich inszeniert.

Darauf springt der Mit-Kommentierende auf den fahrenden Argumentationszug, indem er ergänzt:

Bei der Präsentation… die Amis sind da ziemlich abgegangen.

Worauf ersterer erwidert:

Wir Europäer finden sowas nicht in Ordnung […]

Einen ähnlich entrüsteten Tenor zur Gewalt habe ich, zwei Monate später, in der aktuellen Ausgabe der PC Games in einem Kommentar zu Valiant Hearts gelesen.

Ich möchte, vom Videobeitrag ausgehend, niemandem Vorwürfe machen, er oder seine Berichterstattung sei nationalistisch oder Schlimmeres. Ich gehe einfach mal davon aus, dass auch beim Computec-Verlag weltoffene Menschen ohne Brett vor dem Kopf arbeiten.

Allerdings stellt sich mir die Frage was dieses Gegeneinanderstellen vermeintlich amerikanischer und deutscher Interessen und Neigungen eigentlich soll. Den Amerikaner gibt es genauso wenig, wie den Deutschen, der ja bekanntlich blond sein und blaue Augen haben soll. Und den Ami, Franzacken und den Kraut übrigens auch nicht.

Und selbst wenn es diese Volks-Menschen gäbe, stellt sich mir die Frage, wer sich eigentlich erdreistet meinen Geschmack zu kennen. Oder ihn, mich einschließend und den Deutschen umfassend, wertend zu nutzen – in irgendeiner Weise.

Gewalt in Videospielen und die heuchelnde Moral-Elite

Ist jemandem aufgefallen, was das Thema war? Eigentlich sollte es hier ja um die Moralkeule rund um Gewalt in Videospielen gehen. Anhand eines kommentierten Videobeitrages von PCGH – über Mortal Kombat X.

Hallo, Computec-Mitarbeiter? Hat von Euch schon mal jemand Mortal Kombat gespielt oder auch nur gesehen? Die Frage stellt sich tatsächlich, wenn die dargestellte Gewalt als „unnötig“ bezeichnet wird. In Mortal Kombat. Keine Pointe.

Genau das nebenbei auch kritisierte schnelle Oldschool-Gameplay und gerade der immense Gewaltgrad sind das, was MK ausmachen. War schon bei Teil 1 so. Man muss es ja nicht mögen. Aber ihn zu kritisieren und in eine moralische Ecke hieven zu wollen, obwohl unter anderem genau das auch zu seinem Erfolg beigetragen hat, ist irgendwie total am Ziel vorbei geflogen. Irgendwie erinnert mich das auch ein bisschen an panische US-Eltern in den Fünfzigern, die Angst um das Seelenheil ihrer rockenden Kids hatten.

Ich bin erwachsen. Und auch Mortal Kombat X ist wie seine Vorgänger wegen des Gewaltgrades mit Sicherheit nichts für Minderjährige und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch ab 18 sein. Dann lasst doch bitte die volljährigen und mündigen Fans und Beat ‚em Up – Freunde entscheiden, was ihnen gefällt und was nicht. In Deutschland genauso wie in den USA.

Oder muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil ich auf Splatter stehe?

Gewalt in Videospielen – Gerne, aber nicht immer

Die Darstellung von Gewalt in Videospielen ist ist keine Frage der Verhältnismäßigkeit, des Selbstzwecks oder der Moral. Wir reden hier nämlich über einen Ausdruck der Kunst – selbst wenn der deutsche Staat das noch anders sieht, sind die in Videospielen erschaffenen Welten, Geschichten, Charaktere und Ereignisse ein Ausdruck von Kunst. Schließlich wird aus dem Nichts etwas geschaffen: oft Schönes, Trauriges, Witziges, oft aber auch Erschütterndes, Verängstigendes und Dramatisches. Die Verwendung von Gewalt in all ihren fließenden Abstufungen ist ein Ausdruck dieser Kunst und Teil des aussagenden Gesamtkonzeptes des Werks.

Oder nimmt jemand wirklich beispielsweise die Blutregen-Szene aus dem Remake von Evil Dead wirklich ernst, wo sie doch als Ausdruck der Gewalt-Groteske deutlich wird? Weshalb sollte man dann beispielsweise die Slomo-Röntgen-Aufnahmen in Mortal Kombat X ernst nehmen?

Da prügeln Menschen und andere Wesen mit teils übernatürlichen Kräften aufeinander ein. Sie bluten, die Organe werden heraus gerissen, Schädel zertrümmert und Leben beendet. Bis sie für die nächste Runde wieder aufstehen. Ja, und?!

Welcher Zocker taucht nicht gerne in diese Kunstwelten der Videospiele ein? Wer verliert sich nicht gerne in fantastischen Welten voller Gebirge, Seen oder auch mal Schwefel und Feuer?

Ich mime gerne den strahlenden Helden, der Ungerechtigkeit bekämpft. Ich schlüpfe aber auch gerne in die Rolle des fiesen Bösewichts, der erbarmungslos durch seine Gegner mäht, um seine Ziele zu erreichen. Manchmal sogar mit einem Frauencharakter, obwohl ich ein Kerl bin. Und weshalb? Weil es mich unterhält. Weil auch Gewalt eine Katharsis ist. Weil ich mich beim Genuss von Videospielen genauso in Rollen versetzen kann, die ich sonst im realen Leben nie einnehmen würde, wie in Büchern oder wenn ich mich mit Protagonisten im Kino verbunden fühle, mit ihnen weine, mich mit ihnen freue, lache, zittere oder fürchte. Es ist die Flucht aus dem Alltag, das Abschalten und das Erleben fremder Leben und Tode, die mich nach getaner Arbeit und Erfüllung meiner Verpflichtungen unterhalten.

Und wenn es mir Spaß macht virtuelle Leiber mit bloßen (ebenfalls virtuellen) Händen zu zerfetzen, ihnen die Augen herauszureißen und sie ihnen in den Hals zu stopfen, damit sie sich selbst beim Sterben zusehen können, ist das genauso wenig verwerflich, wie einem armen Bauern in Himmelsrand oder sonst wo bei der Rettung seines Sohnes zu helfen. Woran ich als Volljähriger Spaß habe, haben die Heuchler und selbsternannten Moralapostel nicht zu entscheiden, solange ich niemandem damit Schaden zufüge.

Danke liebe Presse, aber nein danke

Es ist selbstverständlich die Pflicht umfänglicher Berichterstattung auch über Gewalt und deren Gefahren zu berichten. Aber bitte nur in angebrachtem Maße, nämlich dort, wo Aufklärung vonnöten ist: Wenn Eltern sich dafür interessieren, ob das Game, das ihre Kinder spielen, überhaupt für sie geeignet ist. Oder ob sie das Spiel vor ihren Kids spielen können. Die Alterseinstufung ist hierbei eine Hilfe, die Einschätzung versierter Journalisten natürlich umso mehr. Aber bitte, bitte (mit ganz viel Zucker oben drauf), hört auf Euch künstlich zu echauffieren und Euch wertend über den Gewaltgrad über den Pöbel emporzuschwingen, dem das gefallen könnte, um Euch so von ihnen moralisch abzusetzen. Das steht Euch nämlich nicht besonders gut und ist auch nicht Eure Aufgabe.

(Das Beitragsbild stammt von videogameobsession.com)

 

*Ursprünglich stand hier „einer der Redakteure“, bis mich Thilo Bayer von der PCGH über Twitter auf den Fehler aufmerksam machte.

Filmfan, Musikliebhaber, schwäbischer Sith-Akolyth und Hypetrain-Lokführer.

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