Angeschaut: Birdman

Leider kam ich jetzt erst dazu, mir Birdman anzusehen. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so. So konnte ich daheim gemütlich die Blu-ray einwerfen und mich voll auf einen Film einlassen, der so ungewöhnlich und scharfsinnig ist, dass er sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlt. Eine Klatsche, die eine Weile lang brennt und mich aus meinem Denken herausgerissen hat.

Ein Schlag, der mit jeder Szene, jedem Auftritt, jedem Blick und jeder Sekunde härter schmerzt. Birdman erzählt die Geschichte eines verblassenden Hollywood-Stars. Eines One Hit Wonders aus einer Comic-Verfilmung und deren Fortsetzungen. Es ist die Geschichte eines Filmstars, der so unbedingt Schauspieler sein will, dass alles andere zur Nebensache wird. Er will ein Künstler sein, der Welt beweisen, dass er mehr ist als der Mann im Birdman Kostüm. Dafür setzt er alles auf eine Karte: Finanzielle Probleme, die Missachtung seiner suchtkranken Tochter und alle Warnungen zum Trotz inszeniert er ein 60 Jahre altes Stück, dem er persönlich so viel Bedeutung zuschreibt und setzt sich selbst in die Hauptrolle.

Ich hatte vermieden Kritiken zu lesen. Das mache ich meistens so. Und ich tat wieder einmal gut daran. Mehr als eben beschrieben wusste ich nämlich nicht, als ich die Blu-ray einlegte. Was mich in den folgenden knapp zwei Stunden erwartete, spottet jeder Beschreibung. Die Atmosphäre des Films ist so dermaßen dicht, dass die Verzweiflung des Hauptcharakters förmlich erdrückend ist. Was ist Kunst? Wer bin ich eigentlich? Was macht mich zu dem, wer ich bin? Was machen die Medien und die Moderne, zu der ich den Anschluss verpasst habe, aus mir? Wäre es nicht viel einfacher auf die dröhnende Stimme in meinem Kopf zu hören und den bequemen Weg zu gehen, an dessen Ende eine weitere Fortsetzung des Erfolgsrezepts steht? Wie sehr stimmt das Bild, das ich von mir selbst habe mit meinem wirklichen Ich überein? Und was muss ich tun, um alle zum Umdenken zu bewegen? Die Maske absetzen und den Mensch darunter offenbaren? Muss ich dafür eine andere Maske aufsetzen und damit sämtliche Klischees erfüllen, die mir eigentlich zuwider sind? Muss ich zu jemandem werden, der versucht die Erwartungen zu erfüllen, wenn er sich als Künstler darstellt?

Birdman_blog

Birdman spielt mit all diesen Fragen und setzt sie in ein real-inszeniertes und eng geschnürtes Korsett aus Broadway-Inszenierung, Entstehungsgeschichte, den Menschen dahinter und dem was diese Menschen als Schauspieler und Persönlichkeiten darstellen. Dieser Film ist ein ausgestreckter Mittelfinger gen Hollywood, die Robert Downey Juniors unserer Zeit und setzt Bewunderung und Liebe in starken Kontrast zueinander und distanziert Prominente von Schauspielern und kokettiert die Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit. Birdman ist eine Hommage an die Bedeutung ohne sie wirklich greifbar zu machen, weil sie einfach nicht klar zu definieren ist. Das Aufeinandertreffen des Hauptcharakters (dessen Vorname ironischerweise stark an das Mädchen aus Der Exorzist angelehnt ist) mit der großen Kritikerin der New York Times, die ihm unverblümt entgegnet, dass sie das Stück verreißen wird, ohne es bis dahin auch nur gesehen zu haben – aus dem einzigen Grund, dass sie den Typen nicht ausstehen kann, ist meisterhaft in Szene gesetzt. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Das Hollywood-Popcorn Kino, dass für haufenweise Nerdständer sorgt und das Feuilleton eines Kreises elitärer Besserwisser, die es selbst nicht zu Künstlern geschafft haben und andere, die welche sind (oder versuchen zu sein) in inhaltslose Schubladen stecken und somit zu genau dem werden, was sie eigentlich an der Filmindustrie kritisieren. Ihre Daseinsberechtigung liegt in der Abgrenzung zum Film. Das Theater ist der Ort, an dem Kunst geschieht. Für einige von sich selbst auserwählte hochnäsige Snobs und nicht auf der großen Kinoleinwand für die Massen. Die Passion geht völlig verloren. Es sind nur noch Erwartungen von Belang, die erfüllt werden wollen und nicht das Herzblut, das auf den kleinen Broadway-Brettern zu sehen ist.

Michael Keaton, könnte man meinen, spielt sich hier irgendwo selbst, der von Batman heimgesucht und in Versuchung geführt wird. Birdman flüstert Riggan unerlässlich ins Ohr. Jedes Mal, wenn er vor Verzweiflung droht zusammenzubrechen, jedes Mal, wenn er berauscht ist und auf Distanz zu seiner aktuellen Situation geht. Birdman ist der Teufel auf seiner Schulter, der ihm die Luft zum Atmen nimmt und ihm vorwirft sich selbst etwas vorzumachen und genau das Abziehbild eines künstlerisch anspruchsvollen Schauspielers zu sein, dass Riggan eigentlich verabscheut und mit allen Mitteln zu vermeiden versucht. Durch eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger harmlosen Zufällen wird er jedoch in genau jenes Bild eines exzentrischen Menschen auf der verzweifelten Suche nach Bewunderung und vor allem Anerkennung gedrängt. Von seinen Kollegen, von seiner zerrütteten Familie, von Nachrichten, Fans, YouTube, Facebook und Twitter.

Dieser Film hält jedem den Spiegel vor und beweist, dass Du und ich in genau denselben Schubladen denken, wie die Massenmedien, der Feuilleton, die Sozialen Medien und die Akteure selbst. Egal, wie sehr wir behaupten es nicht zu tun. Das alleine macht Birdman aber noch nicht zu einem großartigen Film. Es ist die Art der Erzählung, die die menschlichen Plastikhüllen so unglaublich greifbar machen, gepaart mit dem Eindruck, dass der Film nahezu ohne Schnitte auskommt. Der Soundtrack ist sehr minimalistisch und das lose Jazz-Schlagzeug wird nur punktuell durch harmonische Musik ersetzt, die ebenfalls mit unserer Wahrnehmung von Persönlichkeiten, Bedeutungen und Filmen spielt.

Birdman ist ein fulminantes und rundes Meisterwerk, dass mit sämtlichen Erwartungen spielt. Ein Film, der sämtliche Fäden geschickt zu verweben weiß – von den Charakteren über existenzielle Fragen bis hin zur Verknüpfung des realen Stücks, dass im Film auf der Bühne interpretiert werden soll und dessen Parallelen sich wie eine unaufdringliche Parabel durch den ganzen Film ziehen. Und der Cast passt wie die Faust auf’s Auge und gibt dem Film genau das, was er versucht darzustellen. Jede Rolle ist perfekt besetzt.

Das Urteil: 10/10 – und der Ironie eines Urteils über einen Film, der mit Erwartungen und Urteilen spielt, bin ich mir sehr wohl bewusst. Birdman ist weit mehr als eine 10. Er ist ein Film, der den Geist öffnet, Deine eigene Bewertungs- und Wertungsskala kräftig durchschüttelt und Dich mit einem fiesen Grinsen in der Schnabelfresse selbst ein Urteil fällen lässt. Anschauen!

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Filmfan, Musikliebhaber, schwäbischer Sith-Akolyth und Hypetrain-Lokführer.

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